Der Graben ist heute eine der elegantesten Adressen Wiens, mit Pestsäule, Juwelieren und Kaffeehäusern. Im 18. Jahrhundert hatte er am Abend noch ein anderes Publikum. Zur Zeit Josephs II. nannte man die Frauen, die hier nach Einbruch der Dämmerung auf und ab flanierten und auf Kundschaft warteten, spöttisch „Grabennymphen“. Ein fallengelassenes Taschentuch genügte, um ins Gespräch zu kommen.
Vom Schnepfenstrich
Der Wiener Kupferstecher und Verleger Hieronymus Löschenkohl brachte 1784 ein Blatt mit den Grabennymphen heraus, mit dem vielsagenden Titelzusatz „oder Der Schnepfen-Strich“. Das war ein Wortspiel für Kenner. Schnepfen fliegen in der Dämmerung, Jäger nennen ihren Flug den Strich, und in der Dämmerung erschienen auch die „Schnepfen“ am Graben. Das Wort „Strich“ für die Straßenprostitution ist allerdings älter als Joseph II., es lässt sich schon im 17. Jahrhundert nachweisen und kommt vom Umherstreifen. Ignaz Castellis Mundartwörterbuch von 1847 erklärt den „Schdrich“ als „die Gasse und die Linie, auf welcher die Huren sich zeigen“.
In Wien erzählt man gern, die Behörden hätten Kreidestriche auf das Pflaster gezogen, um die Reviere zu ordnen, und daher komme die Redewendung vom „auf den Strich gehen“. Eine hübsche Geschichte, belegt ist sie nicht.
Ein Taschenbuch mit Augenzwinkern
1787 erschien anonym ein „Taschenbuch für Grabennymphen auf das Jahr 1787“, eine Satire im Stil der beliebten Almanache, die Joseph Richter zugeschrieben wird. Darin werden die Nymphen ironisch dafür gelobt, der halben medizinischen Fakultät ihr Auskommen zu sichern. Schon Maria Theresia hatte versucht, der Sittenlosigkeit mit einer eigenen Keuschheitskommission beizukommen. Die bestand nur von 1752 bis 1753 und wurde im Ausland vor allem belächelt.
Der Graben heute
Heute bummelt man am Graben an den Schaufenstern ehemaliger k. u. k. Hoflieferanten vorbei, und manche Geschichte liegt nur eine Hausecke entfernt. Bei unserer Stadtführung Wien unbekannt und der Spezialführung zu den Wiener Hoflieferanten zeigen wir Ihnen die Innenstadt von ihrer weniger bekannten Seite.






