Es gibt einen Moment im Juni, an dem ich es jedes Jahr wieder spüre: Wien zieht nach draußen. Die Schanigärten füllen sich, die Innenhöfe atmen auf, und irgendwo zwischen den Weingärten am Stadtrand beginnt sie wirklich, die Heurigenzeit.
Ein Heuriger ist für mich nie nur ein Lokal gewesen. Es ist eine Form des Beisammenseins, die es, glaube ich, so nur hier gibt. Man sitzt unter alten Kastanien oder Nussbäumen, trinkt den jungen Wein direkt vom Winzer, und vom Buffet nimmt man sich, wonach einem ist: Aufschnitt, Liptauer, ein Stück Käse, frisches Brot. Kein Menü, keine Eile, kein Kellner, der drängt. Zurück geht dieser Brauch auf ein Dekret von Kaiser Joseph II. aus dem Jahr 1784, das den Wiener Winzern erlaubte, ihren eigenen Wein und einfache Speisen selbst auszuschenken, ohne Konzession. Was damals ein Recht war, ist heute eine Kultur. Seit 2024 zählt die Wiener Heurigenkultur zum immateriellen Kulturerbe der UNESCO, und wer einmal an einem lauen Junitag unter den Bäumen gesessen ist, versteht auch, warum.
Drei Adressen, mit denen ich immer wieder beginne
Wer selbst auf die Suche geht, dem gebe ich gerne drei Namen mit auf den Weg. Der Bioweinbau Obermann in Grinzing ist ein Familienbetrieb in der fünften Generation, ein Stück oberhalb des Ortes, zwischen den Weingärten gelegen: klein, persönlich, mehr Gespräch als Spektakel. Nicht weit davon, in Neustift am Walde, führt die Familie Zimmermann ihren Weinhof bereits seit 1828. Der Naturgarten zwischen den Reben und die hauseigenen Weine machen daraus eine Adresse, die sich seit Jahrzehnten treu geblieben ist, und genau das schätze ich daran.
Und dann sind da die Pop-Up-Heurigen am Nussberg, mein persönlicher Liebling für die ersten warmen Abende: Buschenschanken, die ihre Tische zwischen die Weinstöcke stellen. Wieninger, Mayer am Nussberg, Monte Nucum, Windischbauer, jeder mit Blick über die Donau und die Stadt, mit Liegestühlen, Sonnenschirmen und Wein vom eigenen Gut. Geöffnet wird nur bei Schönwetter, von April bis in den frühen November hinein, und am schönsten ist es, finde ich, am späten Nachmittag, wenn das Licht flach über die Reben fällt und die Stadt langsam unter einem verschwimmt.

Vom Kahlenberg hinunter nach Nussdorf
Wer daraus mehr machen möchte als einen einzelnen Besuch, dem lege ich unseren Weinspaziergang ans Herz: vom Kahlenberg zu Fuß hinunter durch die Weingärten am Nussberg bis nach Nussdorf. Ein Weg, der, glaube ich, nur in Wien so möglich ist. Man geht eine gute Stunde, durchgehend bergab, vorbei an den Buschenschanken, mit der Donau immer wieder im Blick, und unterwegs bleibt Zeit für einen Stopp bei einem der Winzer. Wie genau dieser Abend verläuft, mit welchen Stationen und Alternativen, habe ich in unserer Empfehlung „Ein Abend am Kahlenberg“ ausführlich zusammengetragen.

Genug für einen Anfang
Mehr braucht es nicht, um in die Heurigenzeit hineinzufinden: ein freier Abend, festes Schuhwerk ist nicht nötig, und die Bereitschaft, sich ein wenig treiben zu lassen. Auf Anfrage begleiten mein Team und ich Sie auch gerne persönlich durch diese Wiener Weinkultur, individuell für Sie, Ihre Familie oder Ihre Gruppe organisiert. Schreiben Sie uns, wenn Sie Lust darauf haben.
Ich wünsche Ihnen einen Sommer voller solcher Abende, unter alten Bäumen, mit jungem Wein im Glas.
Ihre Martha



