Liebe Wien-Entdeckerinnen und Wien-Entdecker,
im November wird Wien leiser. Kurz nach vier geht die Sonne unter, an den Ecken stehen wieder die Maronibrater, und aus den Kaffeehausfenstern fällt warmes Licht auf das nasse Pflaster. Man geht ein bisschen schneller und bleibt dafür länger sitzen.
Es ist ein Monat, in dem Wien sich erinnert: an seine Toten und an zwei Heilige, von denen sich einer angeblich bei den Gänsen versteckt hat. Das klingt ernster, als es ist. In Wien wird all das erstaunlich lebensfroh begangen. Und seit 6. November gibt es vor Schönbrunn und am Stephansplatz den ersten Punsch.

Zwei Heilige, zwei Wiener Bräuche
Am Mittwoch, 11. November, ist Martini, und in den Wiener Gasthäusern beginnt die Gansl-Zeit: knusprig gebraten, mit Rotkraut, Knödel und oft mit ein paar Maroni. Der Grund ist handfest: Zu Martini endete früher das Bauernjahr, Abgaben wurden fällig, oft in Gänsen, und vor dem Fasten bis Weihnachten wurde noch einmal gut gegessen. Auch für die Weinbauern ist Martini ein Stichtag: Ab jetzt heißt der neue Jahrgang „Heuriger“, der vom Vorjahr wird zum „Alten“. Den jungen Wein verkosten wir gerne mit Ihnen bei unserer Kulinariktour Wiener Wein, in der Vinothek und beim Heurigen.
Vier Tage später, am Sonntag, 15. November, feiern Wien und Niederösterreich ihren Landespatron, den heiligen Leopold. Im Stift Klosterneuburg, wo er begraben liegt, gehört dazu ein recht weltlicher Brauch: Man rutscht über das Tausendeimerfass, ein Weinfass von 1704 mit Platz für 56.000 Liter. Kinder genauso wie Erwachsene, und meistens mit viel Gelächter.
Um 11 Uhr 11 wird am Graben getanzt
Am 11. November beginnt in Wien nicht nur die Gansl-Zeit, sondern auch der Fasching und mit ihm die Ballsaison. Und die fängt nicht im Ballsaal an, sondern auf der Straße: Pünktlich um 11 Uhr 11 laden die Wiener Tanzschulen am Graben, gleich beim Stephansplatz, zur großen Publikumsquadrille.
Die Tanzmeisterinnen und Tanzlehrer geben die Figuren vor, und mittanzen kann jede und jeder: Profis, Hobbytänzer und Passanten, die eigentlich nur auf dem Weg ins Büro waren. Anmelden muss man sich nicht, ein Ballkleid braucht man auch nicht. Wir versuchen, jedes Jahr dabei zu sein. Die Wienerinnen und Wiener tanzen eifrig mit, und die Touristen filmen und fotografieren begeistert, ohne so recht zu verstehen, was da gerade passiert: Mitten in der Fußgängerzone wird auf einmal getanzt, und dazwischen wird Süßes verteilt.
Die großen Bälle folgen dann im Jänner und Februar, vom Kaffeesiederball bis zum Opernball. Wer in dieser Saison zum ersten Mal auf einen Wiener Ball möchte und nicht weiß, wo anfangen: Auf unserer Ballseite haben wir zusammengetragen, was man wissen sollte, vom Ballkleid über den Tanzkurs bis zum Ballabend. Und wer die Schritte vorher auffrischen möchte, ist in einer der Wiener Tanzschulen gut aufgehoben.

Die Adventmärkte sperren auf
Am 6. November sperren die ersten Adventmärkte auf, vor Schloss Schönbrunn und am Stephansplatz. Eine Woche später, am Freitag, 13. November, folgen der Christkindlmarkt am Rathausplatz, der Spittelberg, der Markt Am Hof und der Art Advent am Karlsplatz, am Samstag, 14. November, der Altwiener Christkindlmarkt auf der Freyung. Ab 20. November kommen das Weihnachtsdorf am Maria-Theresien-Platz und der Markt vor dem Belvedere dazu.
Jeder hat seinen eigenen Charakter: Am Spittelberg schlendert man durch die Gassen des Biedermeierviertels, auf der Freyung gibt es schon seit 1772 einen Weihnachtsmarkt, mit Krippen, Glasschmuck und Keramik, und am Karlsplatz ist alles biologisch.
Mein Tipp: Gehen Sie unter der Woche, am frühen Abend, wenn es gerade dunkel geworden ist. Dann ist es noch ruhig genug, um stehen zu bleiben und mit den Kunsthandwerkerinnen und Kunsthandwerkern ins Gespräch zu kommen.
Wenn Sie die Märkte lieber mit Geschichten verbinden: Bei unserer Adventführung gehen wir durch die Gassen der Innenstadt von Markt zu Markt und erzählen, wie Wien Weihnachten gefeiert hat, lange bevor es Punschstände gab.

Neu in den Museen
Franz West. Die Revolution der Skulptur. Albertina Modern, ab 6. November. Im Februar wäre Franz West achtzig geworden. Die Retrospektive beginnt bei seinen Passstücken aus den Siebzigerjahren, Skulpturen, die man anziehen, in die Hand nehmen und mit dem eigenen Körper ausprobieren sollte. Gleichzeitig zeigt das Wien Museum „Franz West und Wien“, darunter „Zitat“ von 1985: Unter der Alufolie steckt sein Kinderbett aus dem Karl-Marx-Hof.
Her Story. Künstlerinnen der Albertina. Albertina, bis 14. Februar. Zum 250-Jahr-Jubiläum geht die Albertina erstmals der Frage nach, welche Künstlerinnen in ihrer Sammlung stecken: rund 250 Werke von 132 Frauen aus fünf Jahrhunderten, von Maria Sibylla Merian bis Maria Lassnig. Bei der Recherche stieß das Team auf 199 Künstlerinnen, von denen das Haus gar nicht wusste, dass sie in der Sammlung vertreten sind.
Zum Vormerken: Bernini. Malerei und Marmor. Theatermuseum im Palais Lobkowitz, ab 2. Dezember. Im Mittelpunkt steht ein „Bildnis eines alten Mannes“ aus dem Kunsthistorischen Museum, das lange einem unbekannten Maler zugeschrieben war. Neue Forschungen sprechen dafür, dass es von Gian Lorenzo Bernini stammt, dem großen Bildhauer des römischen Barock. Von seinen Gemälden haben nur wenige überlebt.
Und falls Sie sie noch nicht gesehen haben: Picasso-Bacon in der Albertina und Erika Giovanna Klien im Unteren Belvedere laufen noch bis 31. Jänner.
Der Tod muss ein Wiener sein
Zu Allerheiligen hatte der Zentralfriedhof Geburtstag: Am 1. November 1874 wurde er eröffnet, weit draußen in Simmering, auf freiem Feld. Beliebt war er zunächst gar nicht, kaum jemand wollte so weit vor der Stadt begraben sein. Also half die Stadt nach und holte ab 1888 berühmte Tote hierher, Beethoven und Schubert etwa, die bis dahin am Währinger Friedhof gelegen waren. Das hat gewirkt: Heute liegen hier mehr als drei Millionen Menschen, deutlich mehr, als Wien Einwohner hat.
Jetzt im November, wenn das Laub auf den Wegen liegt, ist der Zentralfriedhof besonders stimmungsvoll. Bei unserer Führung über den Zentralfriedhof gehen wir zu den Ehrengräbern, zur Jugendstilkirche und zu manchem Grab, an dem man allein vorbeigehen würde. Und wir erzählen, warum man sich in Wien schon zu Lebzeiten „a schöne Leich“ wünscht.

Zeit verschenken
Ein Gutschein von artemezzo ist eine Einladung mit Vorfreude: auf einen Vormittag im Museum, einen Spaziergang durch versteckte Höfe oder einen Nachmittag im Kaffeehaus, zu zweit, mit der Familie oder mit Freunden. Sie bestellen ihn online und drucken ihn selbst aus, auch noch ganz kurz vor dem Fest.

Wien zum Blättern
Und wer lieber etwas zum Auspacken schenkt: Meine beiden Wien-Bücher sind im Droste Verlag erschienen und überall im Buchhandel zu haben, am liebsten in Ihrer Buchhandlung ums Eck.
„Mit dem Rad durch Wien“ ist im September erschienen. Einen Sommer lang bin ich die Routen abgefahren, habe jede Abzweigung geprüft und dort angehalten, wo es sich lohnt: beim Heurigen, im Grätzelcafé, beim Eissalon. Daraus sind zwölf Routen geworden, 218 Kilometer, von Klimt und Jugendstil über die Altstadtgassen bis zur Alten Donau. Jede ist an einem halben Tag gut zu schaffen, die GPS-Daten gibt es zum Download.
„Grüne Glücksorte in Wien“ führt zu 80 Orten, die mir ans Herz gewachsen sind: stille Innenhöfe, Schlossparks, Naturbadeplätze, Weingärten und der Wienerwald. Zu jedem Ort gibt es eine kleine Geschichte und einen Tipp, etwa den, die Strudlhofstiege in einer Mondnacht zu besuchen.
Buch und Gutschein zusammen sind ein schönes Wien-Geschenk: eines zum Lesen und eines zum gemeinsamen Erleben.

Ich freue mich auf ein Wiedersehen
Wenn Sie im Advent Gäste erwarten, mit Ihrem Team das Jahr ausklingen lassen möchten oder einfach einen Nachmittag in der Stadt planen: Schreiben Sie mir einfach. Wir nehmen uns Zeit und überlegen gemeinsam, was zu Ihnen passt.
Ich wünsche Ihnen einen schönen November.
Herzlich,
Martha Tretter mit dem Team von artemezzo






